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Ein Lob des Eskapismus

30. Juli 2012

You are not special …

Wir alle sind aus völlig verschiedenen Gründen in Second Life. Wir alle bauen mit völlig individuellen Hintergründen an einem Spiel mit einem zweiten Leben. Ich sage nicht, dass das bedeutet, dass das erste Leben nicht geklappt hätte.

Ich sage nur, dass ich noch niemanden in Second Life getroffen hätte, der dort gewesen wäre, weil in der Realität alles super läuft.

Wir alle flüchten.

Manche offensiv, in dem sie ihre Leidensgeschichte, die gesundheitlichen, die finanziellen, die Jobprobleme, jedem erzählen. Die meisten aber recht still, nur manchmal erhält man durch ungewollte Risse in der Maske Blicke auf die Abgründe dahinter. Mit der Zeit entwickelt man auch einen sechsten Sinn dafür, was dahinter steht.

Nicht, dass man das möchte.

You are not a beautiful or unique snowflake …

Ist es bedeutend?

Nein. Ist es nicht. Niemand von uns würde in der Zeit, die er in Second Life vertrödelt, ein Krebsmedikament entwickeln, bei Médicines sans frontiers arbeiten oder in Syrien für die Rebellen zur Waffe greifen. Wir flüchten ohne aufzufallen und ohne gesamtgesellschaftlich zu fehlen.

Früher, als der Mensch noch ohne Anschluss an die digitale Nabelschnur solitärer existierte, gab es uns genauso wie heute. Nur haben wir uns da vor dem Fernseher verschanzt und dachten, wir seien allein. Oder noch früher, als wir uns mit Stapeln von Büchern zurückzogen. Und ganz am Anfang, als wir einfach nur für uns blieben, den Kopf voller Alpträume von den Drogen, die wir uns mit der Illusion, sie könnten helfen, eingeworfen hatten.

Wir sind das, über das in den Neunzigern von Landesmedienanstalten völlig überförderte Filme gedreht wurden, die das Lob des Nonkonformismus sangen und die Schönheit in der Nähe des Versagens suchten. Eine putzige Illusion, aber sie trieb uns ins Kino, denn es gab Hoffnung, oder?

You are the same decaying organic matter as anything else and we are all part of the same compost pile …

Ich dekoriere diesen Eintrag mit hübschen Bildern, um ihn etwas aufzuwerten. Aber im Endeffekt geht es doch nur darum, etwas zu sagen, das jeder weiß. Ob es nun hübsch ist oder doch nur das, was man sich eingesteht, wenn man morgens um vier von etwas, das man nicht benennen kann, aufgeweckt wurde, im Dunkeln liegt und die Monster im Kopf hervorkommen.

Wir sind hier, weil wir es wollen. Wir sind hier, weil wir nirgendwo sonst existieren können. Existieren jenseits des täglichen sich-Erhaltens. In einer Welt, die uns in ihrer Verlorenheit so sehr entgegenkommt.

Und dann haben wir diese Möglichkeiten. Wir können sein. Man sollte meinen, dass dies eine Erleichterung wäre. Eine neue Welt ohne Beschränkungen.

Was tun wir damit? Wir projezieren die Träume anderer Leute. Ist es tatsächlich das, was wir wollen? Das verklemmte Nachspielen der Illusionen, die in unseren Köpfen sitzen, weil wir von Kindesbeinen an von Hollywood, von Magazinen, von unseren Eltern, damit gefüttert wurden wie eine Stopfgans mit Getreide? Man sehe sich an, was als erstrebenswert gilt … die virtuelle Vorstadt, das Bausparkassenghetto, die Ketten aller Normen, vor denen wir flüchten. Wir haben unser Gefängnis im Kopf mitgebracht.

Wer je ein Bild der „Linden Home“-Ansammlungen, die es für Premiumuser gibt, gesehen hat und nicht vor Entsetzen erstarrt ist, für den gibt es wenig Hoffnung.

The IBM Stellar Sphere. The Philip Morris Galaxy. Planet Denny’s. Every planet will take on the corporate identity of whoever rapes it first. Budweiser World.

Ja, natürlich leben wir unser zweites Leben in den erdrückenden Armen einer Firma, die jederzeit den Stecker ziehen kann. Was das ganze um so lebensnäher macht. Doch … haben wir nicht genau hier die Möglichkeit, über uns hinauszuwachsen? Aus unserem Eskapismus etwas zu formen, das Bedeutung hat? Nicht nur für uns, sondern als Leuchtfeuer auch für andere?

Macht euch nichts vor. Unsere Fluchten sind zu klein. Wir sind feige und bequem. Wir tun nichts, was uns oder andere erschüttern könnte. Kein „Project Mayhem“ in Second Life.

So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.

Nein, da hatte Fitzgerald doch nicht recht. Wir treiben nicht der Vergangenheit zu. Es ist die Zukunft, gegen die wir nichts unternehmen, denn sie ist nichts als das, was wir aus der Vergangenheit mitgebracht haben. Oder ist es das, was er meint? Jeder ein Gatsby?

Es ist ein zweites Leben, wie wir es verdienen. Alptraum oder Traum. Oder Traum, aus dem man zu einem Alptraum erwacht. Oder nur Langeweile in bunter Verpackung? Oder das letzte Sprungbrett.

Es ist in jedem Fall kein Buch, kein Fernsehen und keine Droge. Es ist ein Fenster, das uns Eskapisten offen steht. Man kann hindurchsehen und sogar über das Fensterbrett hinausklettern. Und dann?

Alle Zitate bis auf das Letzte aus Chuck Palahniuks „Fight Club“. Das letzte Zitat aus Fitzgeralds „The Great Gatsby“. Lest diese beiden Bücher! Oder schaut zumindest die Filme!

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  1. Auryn Nayar
    30. Juli 2012 um 9:45 am

    Ein guter Text, Barth, wenn auch für mich etwas zu düster.

    Ich erwarte gar nicht, dass SL grundsätzlich besser sein muss als RL, denn in beiden Welten leben ja schliesslich die gleichen Menschen. Wer mit engen Grenzen im Kopf lebt, der wird diese auch in SL kaum übertreten können. Wer aber Fantasien hat, der kann die in RL nicht immer ausleben, aber SL bietet einem die Möglichkeiten dazu. SL hebt Beschränkungen auf, denen wir im realen Leben unterworfen sind (finanziell, körperlich etc.) und gibt uns Freiheiten.

    Ich sehe in SL nicht die Lösung für irgendwelche Probleme. Es ist eine sehr spannende Freizeitbeschäftigung für mich und ich lerne auch dort interessante Menschen kennen.

    • 30. Juli 2012 um 9:47 am

      Barth?
      Mann, DAS war ´n Tiefschlag. 😉

      • Auryn Nayar
        30. Juli 2012 um 9:58 am

        *kniet sich schnell nieder und haut mit der Stirne mehrmals auf den Boden*

        Tschuldigung, tschuldigung, tschuldigung!

  2. Serena
    30. Juli 2012 um 10:13 am

    *lässt das mal wirken und guckt nachdenklich*

    Ja.
    Und dann lies nochmal mein Gedicht vom Poetry Slam.
    Wir nehmen die Probleme vom RL immer mit. Wir lösen nichts in SL. Je gesunder unser RL ist, desto gesunder wird auch unser SL sein.
    Dennoch – die Flucht ins virtuelle Leben ist m.E. jederzeit irgend einer Droge oder einem schlechten Fernsehprogramm vorzuziehen.
    Denn im zweiten Leben schaffen wir (nee weiss ich nicht ob wir, aber zumindest ich) es wenigstens partiell, unsere Ilusionen und Träume zu verwirklichen.
    Und sei es nur der Traum nach einem eigenen Haus………………..

    Tut mir leid das ich es nicht nach Ferdok schaffte. Red wird heute in Deepwood aufschlagen und ich werde mich entscheiden müssen ob ich Deepwood gegen Ferdok auswechsele….. für beides habe ich keine Resourcen, zeitlich.
    Und jetzt stehen einige RL Alpträume an mit denen ich mich heute erst mal befassen muss. Flucht ist für heute Tabu, grins.

    • 30. Juli 2012 um 10:19 am

      Ich war zwar in Ferdok, es waren auch noch Leute da – aber ich habe nicht gespielt. Mir fiel nicht ein, was ich hätte tun können. Mir fehlen in Ferdok aktiv-aggressive Gegenüber. Allein den Clown machen ermüdet auf Dauer.
      Nach der Brundisium-Sommerpause (wann ist die eigentlich mal zu ende?) wird Ferdok wohl zu einem reinen „Einmal im Monat oder so“ hintenüberkippen.

  3. Serena
    30. Juli 2012 um 10:22 am

    Die ist wenn ich es recht verstand vorüber sobald in NRW die Sommerferien enden. Also war das gestern ein „ich bin zum Spielführer gezwungen“ Ding? Weil nicht viel von den Ferdokern ausging? Dann muss ich das wohl nicht überlegen………mit dem Wechsel. Es sollte schon Mitspieler haben die auch was spielen und nicht nur reagieren.

    • 30. Juli 2012 um 10:25 am

      Nein, so war das nicht gemeint.
      Ich will mein Spiel nicht als das einzig wahre hinstellen und ich spiele doch schon recht speziell und „dominant“. Wenn andere halt nicht so sind, ist das nicht schlechter. Nur anders.
      Ich gebe Ferdok noch die Chance, sich zu entwickeln. Es wäre schade drum.

      Das wären ja noch vier Wochen Brundisium-Pause! Das ist verdammt lang. Da können wir Spielerstammmäßig direkt wieder bei Null und drei Mann auf der Sim anfangen …. -_-

      • Serena
        30. Juli 2012 um 10:33 am

        Ich hab es so verstanden, mag sein ich irre auch Zasta, Ich frag nochmal bei Familie Kenny nach.
        Und ja, man weiss natürlich nicht wer noch in Ferdok aufschlagen wird und wie sich Spiel und Sim entwickeln werden.
        Fakt ist jedoch, das ich für mich feststellen muss das die Welt von GoT mich zwar fasziniert, mir aber irgendwie fremd bleibt. Trotz neuem Setting und trotz dem Wechsel von einem weibl. zu einem männl. Char! Hm………..

  4. 30. Juli 2012 um 10:24 am

    „Wir alle flüchten“ denkst du das wirklich Zasta?

    Meiner Meinung flüchten nur diejenigen in SL die „nur“ RP´s betreiben. Sie spielen und möchten gern jemand anderes sein, also das sind wirklich die echten Eskapisten die du beschreibst. Ich finde das jetzt nicht negativ, denn wenn es demjenigen Spaß macht, ist es doch ok! Es darf nur sein RL nicht zu sehr beeinflussen, damit meine ich, das er nur noch in der Scheinwirklichkeit lebt. Ich kenne da einige Schicksale von Freunden aus SL die ich auch im RL kenne und versuche ihnen zu helfen wieder Fuß zu fassen. Es ist sehr schwer da Überzeugungsarbeit zu leisten.
    Doch ich wollte auf das „Wir alle flüchten“ eingehen!
    Ich denke es gibt in SL zwei verschiedene Arten von Usern. Eben diese mit „Realitätsflucht oder Wirklichkeitsflucht vor der realen Welt und das Meiden derselben mit all ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d. h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit.“ Quelle Wikipedia
    Ob sie dabei maskiert oder real auftreten hat sicher viel mit dem RL zu tun, was ich jetzt nicht weiter ausweiten möchte.

    Ich möchte eigentlich die anderen vorstellen Zasta, denen du vielleicht in SL noch nicht begegnet bist. Sie sind nicht, oder sagen wir sehr selten im RP zu finden. Sie sind auch nicht jeden Tag online, Sie sind nicht Anonym, sie stehen zum RL Namen und Leben und lieben auch ihren SL Namen und virtuelles Dasein. Ich habe mal 2 Links zum Lesen für dich, dann brauche ich meinen Kommentar nicht so lang zu verfassen.
    Ich habe deinen Blog schon eine ganze Weile abonniert und habe echt Spaß an deinen Berichten. Deine Art zu schreiben fasziniert mich und schade das du z.B, nicht an einem Bloggertreffen teilnimmst! http://kueperpunk.blogspot.de/2012/07/tja-leute-es-war-ein-sonniges.html

    Sich mit virtuellen Welten zu beschäftigen ist ja so uncool…
    http://www.virtuelles-leipzig.de/?page_id=37

    Das ist meine Vison:
    http://www.ling-vision.de/wp/?page_id=22

    Ich wünsche eine sonnige Woche – Angie

    • 30. Juli 2012 um 10:30 am

      Meiner Meinung nach spielt jeder in SL.
      Ich kenne praktisch nur RPler oder Ex-RPler – und selbst Leute, die nie bewusst auf einer RP-Sim waren „spielen“ in SL eine andere Wirklichkeit. Von daher greift Eskapismus. Selbes Phänomen auch bei WoW oder anderen MMOs, deren erstes Ziel nicht die tiefe Immersion ist.

      Ich hatte gehofft mein Text macht klar, dass ich Eskapismus für etwas Notwendiges und nicht zwingend Negatives halte. Unsere Gesellschaft produziert zwangsläufig immer mehr „Ausschuss“, der gar keiner ist. Und der braucht Nischen. Das Virtuelle ist eine perfekte Nische.

      Leute, die versuchen in SL „ganz wie in RL“ zu sein, die ihre Namen und andere Daten preisgeben, finde ich gruselig.

      Bloggertreffen? Hey, ich bin RP-Blogger, ich bin ein Schmuddelkind. 😉

      Nachtrag: Dem „… ist ja so uncool“-Beitrag, den Du verlinkt hast, kann ich nicht zustimmen. Er verbreitet mir ein wenig die Grundstimmung, dass man nur „berechtigt“ in virtuellen Welten unterwegs sein darf, wenn man nichts kompensieren möchte und möglichst „authentisch“ ist. Und ich kompensiere wie Hulle und bin kein Bröckchen authentisch! Ich habe seit Jahren kein eigenes Pferd mehr – in SL hab ich eins! Ich kann mir keine hübschen Joghurtbecher leisten – in SL fahre ich einen! Ich habe keine Katzen mehr dank Dachwohnung – in SL hab ich zwei Meeroonen! Ich kann in SL eine Menge tun, was ich im RL nicht tue oder tun kann, ohne deshalb mein RL abzuwerten. Und bizarren Sex in SL finde ich im übrigen auch gut. 🙂
      Ich bin nicht authentisch und mein RL geht keinen etwas an – ich kann perverse Dinge tun, ich kann mich völlig behämmert verhalten – und es ist allein die virtuelle Persönlichkeit. DAS ist für mich die Stärke von SL.

  5. 30. Juli 2012 um 10:35 am

    Wir fisten den Kummer einfach weg… die virtuelle Faust im Arsch fühlt sich besser an als der Stock des realen Lebens. 😀

    Beinbruch? (…)

    Aber nicht doch.

  6. Serena
    30. Juli 2012 um 10:39 am

    Angie, ich begann nicht als RPler.
    Das erste halbe Jahr meines SL hatte ich keine Ahnung von Rollenspiel. Und doch, ich flüchtete.
    In dem Sinne von den „kleinen Fluchten“ die jeder begeht. Andere halt vor die Glotze oder auch in irgendwelche Wochenendeskapaden, Besäufnisse, Feste, Hocks, was auch immer.

    Und ich stimme Dir zu, wenn es so wäre das das RL anfängt kaputt zu gehen weil man dort so gut wie nicht mehr vorkommt und 24/7 on ist, dann ist es mehr als krank und bedenklich. Dann ist es eine arge, arge Sucht.

    Aber egal ob ich im Normalo unterwegs war (was ich auch heute neben dem RP oft bin) oder später Rollenspiel machte……….. es war eine Flucht.
    Und meinen RL Namen ins Profil schreiben damit mein Chef der da vielleicht auch rumturnt auf die Idee kommt zu schauen ob ich virtuell gut zu poppen bin?
    Nee danke

  7. 30. Juli 2012 um 11:13 am

    Serena, deine Argumentation finde ich vollkommen ok!

  8. Serena
    30. Juli 2012 um 11:15 am

    PS.:
    Ein weiterer Gedanke der mir beim Lesen kommt:
    Ich stimme Herrn Küpper insofern zu als ich es recht arm finde wenn Menschen SL (oder andere beliebige virtuelle Welten) verteufeln ohne jemals herausgefunden zu haben was es damit auf sich hat. Was mich an seinem Artikel allerdings etwas irritiert ist, dass er fast missionarisch wirkt in seinem Hochloben des Authentizismus mit dem man sich in SL bewegen kann, so man denn möchte. Sicher, nicht jeder ist in SL um den Fakt zu kompensieren das er sich RL kein Haus leisten kann.
    Ich schon 😉

    Meiner Meinung nach ist es relativ egal ob nun jemand sich durch eine virtuelle Welt bewegt um dort möglichst authentisch zu sein oder um Rollenspiel zu machen und sich (was in meinem Fall greift) als Schauspieler versteht. Beides hat seine Daseinsberechtigung. Es kann keine allgemeingültige Grundhaltung dazu geben, denn wir sind INdiviuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen. Es gib keinen „way of political correctness“ für Aufenthalte in virtuellen Welten!

    Wenn ich Rollenspiel liebe, dann weil es mir ermöglicht, in eine Rolle zu schlüpfen die ich in der Realität niemals würde inne haben wollen! Aber hier kann ich mich in dieser Rolle erfahren, kann analysieren was in meiner Emotionalebene dabei geschieht und lerne somit über mich und meine inneren Abgründe oder entdecke neue Fähigkeiten. Und nicht nur das, ich schule damit auch meine Empathie! Denn ein Schauspieler ohne Empathie ist keiner.
    Es dient also meiner persönlichen Weiterentwicklung und meiner Fähigkeit zur Selbstreflektion, gerade und weil wir wissen, das die Emotionalebene nicht zwischen real und virtuell unterscheidet!
    DAS ist für mich das Spannende daran, das könnte ich aber niemals erfahren wenn ich bemüht wäre möglichst authentisch zu bleiben.

    Insofern: Laissez faire! So lange sich jeder bewusst bleibt das hinter dem Avatar ein real existierender Mensch sitzt und er dem User mit dem gebotenen Respekt begegnet, gleich was er ansonsten tut, so lange ist der Aufenthalt in SL pc! Unabhängig von der Intention.

  9. Tanja
    30. Juli 2012 um 11:52 am

    „… ich begann nicht als RPler. …“
    Der war gut! 🙂 Was iss’n SL wenn nicht ein Rollenspiel?

  10. 30. Juli 2012 um 12:05 pm

    Authentisch ist ohnehin das Lieblings(Un)wort einer Generation von Menschen, die sich für einzigartig halten, obwohl sie so angepasst sind wie niemals Menschen zuvor. Es gibt nichts wofür sie eine Notwendigkeit sähen kämpfen zu müssen, solange sie einigermaßen konsumieren können.
    Und reicht’s für den Konsum RL nicht aus, hält SL jede Menge billige Ersatzwelt bereit.

    Wer mal nach der Quelle seines eigenen Seins sucht, der wird feststellen, dass er nichts weiter ist als ein Bündel an Möglichkeiten. Und hier eröffnet einem SL durchaus ein Ausloten an Möglichkeiten. Sei wer du willst! Auch das liegt in dir. Völlig egal ob da nun Rollenspiel dransteht oder nicht.
    Auch Leute, die mit ihrem RL-Namen in Second Life firmieren, nutzen hier Möglichkeiten sich zu entfalten, die ihnen allein durch RL nicht gegeben sind. Sonst wären sie schlicht und ergreifend nicht hier.

    Allerdings halte ich die Trennung von virtuell und real ohnehin für sinnfrei. Unser Handeln ist real, unabhängig wo wir handeln. Unsere Empfindungen ebenso. Unsere Kommunikation. Einfach alles. Wir bedienen uns nur eines Mediums.

    • 30. Juli 2012 um 12:09 pm

      „authentisch“ ist mittlerweile fast nur noch eine von Musikjournalisten benutzte Worthülse, um Grausamkeiten wie „echt handgemachten Rock“ zu rechtfertigen. 😉

      Ich trenne RL und SL unglaublich penibel und werde das auch weiter tun. Dass ich manche SL-Leute im Skype habe ist mir eigentlich fast schon zuviel.

      • 30. Juli 2012 um 12:46 pm

        Ja, ich trenne es ja auch. Das macht aber in Second Life nichts weniger real. Wir machen ja nicht „nichts“ hier.

        Ich kann auch nicht sehen, warum der eine „realer“ ist, der auf seiner Couch liegt und Fernsehen schaut als der andere, der in Second Life ein Häuschen arrangiert oder gar ’ne ganze Sim baut.

        • 30. Juli 2012 um 1:03 pm

          Rein Hirnstrommäßig ist der Bastler in SL zumindest realer, da das Gehirn beim Fernsehen deutlich inaktiver ist als beim Computerspielen.

  11. Serena
    30. Juli 2012 um 1:26 pm

    Die Diskussion gefällt mir. Es gibt Beiträge in Deinem Blog Zasta, wo die Unterhaltung die in den Kommentaren entsteht schon fast das Gefühl vermittelt man befinde sich in einem Forum 🙂
    Nea sagt „Unser Handeln ist real, unabhängig wo wir handeln. Unsere Empfindungen ebenso. Unsere Kommunikation. Einfach alles. Wir bedienen uns nur eines Mediums.“

    Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt. Und da sind wir an der Stelle angelangt wo „authentisch“ und „real“ eventuell zu definieren wären, denn je nach Definition liegt hier eine Quelle für Mißverständnisse. Ich stimme Nea weitestgehend zu. Jeder Psychologe wird bestätigen das unsere Emotionalebene nicht zwischen real und irreal unterscheidet. Ein Traum der uns im RL schweissgebadet oder sogar weinend erwachen lässt, ein Orgasmus der uns aufweckt weil der Traum so erotisch war – das sind die klaren Beweise dafür das unser realer Körper durchaus auf den Traum reagiert.
    Hier wird die Brücke geschlagen von dem was einige Menschen als „nicht real“ bezeichnen und unserer sehr materiell-realen Daseinsform.

    Und ja, SL ist ein Medium. Wollte ich es als nicht real bezeichnen so müsste ich ebenso eine SMS oder, um bei Küpper zu bleiben, ein Telefonat als nicht real bezeichnen.
    Kommunikation geschieht über viele verschiedene Plattformen. Und SL ist Kommunikation. Wenn ein jeder von uns der einzige Avatar in diesem großen virtuellen Universum wäre, dann wäre keiner von uns dort.
    Also geht es nicht um das „wie“ oder um die Frage ob die Welt materiell „tastbar“ und palpatorisch erfahrbar ist. Sondern es geht um Interaktion…..
    Es ist eine Community.
    Und nun schließt sich der Kreis wieder zur Frage ob man dort ‚authentisch‘ ist.

    Und wieder komme ich Nea insofern entgegen als ich mir die Frage stelle, kann ein Mensch denn irgendwo eigentlich „nicht authentisch“ sein?
    Selbst wenn er sich verstellt, selbst wenn er eine Rolle spielt, selbst wenn er etwas tut das er im RL niemals täte – er tut es auf seine ureigenste Weise! Aus dem einfachen Grund weil er, was immer da draussen ist, nur sehen kann durch seine individuellen Augen, er hat nur seine subjektive Wahrnehmung dafür.
    Ich könnte mich bemühen wie ich wollte, ich wäre niemals fähig SL durch die Augen von Zasta oder Nea oder sonstwem zu sehen. Und somit auch niemals spielen wie sie.
    Also bleibt doch im Endeffekt gar niemandem etwas anderes übrig als ‚authentisch‘ zu sein.

    Auch die Rolle ist nur durch den der sie spielt zu definieren! Jemand anderer würde sie nicht unbedingt besser oder schlechter spielen, sondern ANDERS, auf seine individuelle Weise.

  12. Jenny
    30. Juli 2012 um 1:28 pm

    Ich bin früher nach SL geflüchtet um die Realität zu verdrängen. Geholfen hat es nur in den Onlinestunden, anvertraut habe ich mich nur wenigen die beharrlicher fragten. Wäre ich von diesen nicht wachgerüttelt worden, bin ich mir recht sicher, hätte ich nicht oder viel später ein glückliches RL gefunden.
    SL ist eine Flucht, für jeden anders, aber letztlich zählt nur das RL und was einem SL in dem Bezug aufzeigen kann.
    Jetzt ist es für mich „nur“ noch eine „Stressablasszone“ die ich zeitlich begrenzt unregelmäßig nutze. Die Gefahr sich darin zu verlieren, sollte man aber nie unterschätzen.

  13. 30. Juli 2012 um 3:28 pm

    Tja, der Punkt ist, dass mein Artikel nicht auf euch zielt, sondern auf die bornierte offworld-Horde, die vorgibt, kosmopolitisch zu sein, aber sofort dichtmacht, wenn es um den Cyberspace geht. Da gibt es Cyberpunkautoren, die über Virtual Reality schreiben, sich aber zu schön sind, auch nur einen einzigen kleinen Schritt in Linden Metaversums-Prototyp zu machen. Mir haben tatsächlich ein oder zwei befreundete Autoren die Freundschaft aufgekündigt, weil ich versucht habe, sie für eine inworld-Lesung zu gewinnen. Diese Art von Arroganz hat mich dazu gebracht, meine Gedanken zum Potential von SecondLife auszuformulieren.
    SL ist eine großartige Eskapismus-Plattform. Ich stimme zu einhundert Prozent zu. Hier kann ausgelebt werden, was gewissen willkürlichen Normen unserer RL-Gesellschaft widerspricht. Du kannst im wahrsten Sinne, die Sau heraus, es so richtig krachen lassen und das in jeder Art und Weise. Passiv aggressiv? Kein Problem, you are welcome. Werde zum rasenden Griefer obwohl oder gerade weil du im rl nur bei Grün über die Ampel gehen würdest und Frau Meyer aus dem sechsten Stock immer brav die Einkäufe nach oben trägst. Es ist okay, du kannst keinen Schaden anrichten – jedenfalls nicht bei erfahrenen SLer. Die wissen, wie einfach man solche Angriffe ignorieren kann, erst recht, wenn sie die SIM-Owner sind und sich freuen, endlich jemandem ihre Bodyguard-Kampfdrohne vorführen zu dürfen.
    Nutze SL für deine persönliche Flucht. Es ist wunderbar, denn es ist nichts anderes als das, was du tust, wenn du dir eine DVD einlegst oder einen Roman liest. SL ist Eskapismus mit erweiterten Mitteln und früher oder später werden sich die ersten endgültig in diese Welt zurückziehen. Absolut verständlich und es sei ihnen gegönnt. Ich bin sicher, sie werden trotzdem die 3D Brille noch gelegentlich absetzen, um sich eine Pizza zu bestellen.
    Übrigens ganz wunderbar die Formulierung „Wir nehmen unser Gefängnis mit.“
    Ich habe mich vor langer Zeit mal mit einem Gor Bewohner unterhalten, der mir ganz stolz von der gerade errichteten Schule auf der GOR Sim berichtete.
    „Ihr habt ein Universum, in dem ihr Leben könnt, wie ihr wollt, und das erste, was ihr erfindet ist Schule?!?!?!“
    Wir kommen aus unseren Verhaltensmustern anscheinend nicht so schnell raus. Anyway.
    Ich würde SL aber gern noch zusätzlich anders einsetzen:
    Nämlich als Plattform für Kunst, Kultur, Literatur. Das geht nämlich auch, aber die Möglichkeiten werden völlig unterschätzt und gewisse gängige, weil medial gut verkäufliche Vorurteile machen es uns nicht unbedingt leichter. Dazu brauchen wir für Außenstehende gelegentlich mal einen Eye Opener, um ihnen alternative Auslegungen von virtueller Freiheit anzubieten und damit vielleicht ihr Interesse zu wecken.
    Unser Projekt in SL – das der Brennenden Buchstaben – kann nur funktionieren, wenn wir unseren Avatar als Erweiterung der Realperson in den virtuellen Raum verstehen. Was dabei rauskommt, richtet sich aber an alle SL Bewohner. Jene, die es halten wie wir und alle, die ausschließlich ihr Zweites Leben hier genießen wollen. Deswegen werde mich bemühen als der RL/SL-Crossworld-Kueperpunk auch weiter Autoren und andere Macher zu kleinen Ausflügen ins Metaversum zu bewegen.

    • 30. Juli 2012 um 3:48 pm

      Hach, die Gor-Schule (Gor muss man übrigens nicht komplett groß schreiben, das tun nur die ganz merkwürdigen Lifestyler 😉 ), die ist so ein Ding für sich. Und RP = Gor … diese Gleichung treibt hier auch vielen das Pipi in die Augen. Denn erstens gibts hunderte von RPs die kein Gor sind und zweitens gibts dutzende von Gor-Sims, die sich nicht auf ein RP einigen können. Maximum heterogen. Wie ganz SL.
      Auch Cyberpunk (ich bin ja mehr Steam- oder Dieselpunkfan, wenn´s hochkommt Nuclearpunk … Cyberpunk habe ich aber auch schon gespielt und gelesen – ob im RL oder in SL) ist ja eine wunderbare und breit ausgelebte RP-Sache in SL. Und da kann man durchaus ansetzen. Es gibt sehr oft Lesungen in den OOC-Bereichen von RP-Sims. Sei es von Fanfics oder von Romanen aus dem Setting. Meins ist das ja nicht, ich lese lieber selbst als vorgelesen zu bekommen – aber da berühren sich unsere beiden Welten doch schon aufs deutlichste. Die Durchmischung ist durchaus unterschiedlich. Es gibt die Hardcore-Fundis wie beispielsweise Adran oder Stiller, die außer RP maximal die Zutaten dafür einkaufen und sonst SL als Chatprogramm benutzen, die Halbgaren wie mich, die praktisch nur RP machen, aber auch mal auf OOC-Parties gehen und die Betriebsnudeln, die sich ganz Seelchen für alles interessieren und RP halt so nebenbei machen. Und alle Schattierungen dazwischen. Die Welt der Rollenspieler ist bunt, oft zerstritten und genauso wie der Rest von SL ein Reservoir an Seltsamkeiten.
      Und eben das möchte ich erhalten – The weirder the better! Weird funktioniert aber als Schattengewächs definitiv am Besten hinter einer Maske und in der Anonymität. Ich rede nicht den Knallköpfen das Wort – aber ich möchte einen grünen Riesenpenis in die Stadt reiten dürfen, ohne dass mein Chef mich am nächsten Tag mit „Howdy, Cowboy!“ begrüßt. 😉

      Ansehen und Anhören würde ich mir eure Kunst schonmal gern. Immerhin ist alles möglich!

  14. Serena
    30. Juli 2012 um 4:05 pm

    Kunst in SL……….
    Das war mein erstes halbes Jahr, die Zeit als ich von RP noch nichts wusste.
    Als RL-Kunstschaffende bildete ich mir tatsächlich ein, ich könne meine Kunst in SL verkaufen. Ich hatte eine Parzelle, einen Laden, ich machte Werbung, war auf Kunstsims vertreten. Also nee..nicht ich..mein Main.

    Und ich stellte fest das Kunst in SL ebenso brotlos ist wie sie es im RL ist.
    🙂

    • 30. Juli 2012 um 6:24 pm

      Es spricht irgendwie für die Kunst, dass sie sich nicht zu Geld machen lässt. 🙂

  15. 30. Juli 2012 um 5:55 pm

    @Zasta

    Na, das lässt sich doch einrichten. Unser Kafe Kruemelkram hat nicht mal ne Tür und ist voller Steampunk. Und wenn du Steampunk magst: Captain Serenus vom Clockworker Blog war bei uns auch schon zu Gast und hat über RLl Steampunk Roleplay referiert.

    @Serena

    Jep, so ist das. Geld will dir weder jemand im Ersten noch im Zweiten für irgend etws geben. Die Idee habe ich vor langer Zeit aufgegeben. Wir machen es just for fun…und vielleicht der Ehre wegen 😉

    • 30. Juli 2012 um 7:18 pm

      Ah, ja, in dessen Forum war ich auch vor längerem mal aktiv.

  16. 30. Juli 2012 um 7:04 pm

    @Zasta Das lässt sich einrichten. Das Kafe Kruemelkram hat nicht mal ne Tür, du kannst jederzeit reinschneien.

    @ Serena In beiden Welten das selbe Problem: Es muss alles umsonst sein.

  17. Serena
    31. Juli 2012 um 11:36 am

    Ja so ist das. Wobei ich RL tatsächlich ab und an was verkaufe 🙂
    Vielleicht bin ich auch einfach nicht geschäftstüchtig……..und irgendwie ist das wohl kaum jemand der eher „musisch“ lebt. Ich denke Du weisst was ich meine, Kueperpunk.
    Ich hatte eine Vernissage in SL auf der ich wirklich gut verkauft habe. Aber leider ist die Artsim eingegangen auf der ich zuhause war. Und dann war es mir irgendwie zu mühsam. Vielleicht sollte ich mal wieder ausstellen. Der Ehre wegen…………. 🙂

  18. 31. Juli 2012 um 12:01 pm

    Das klingt ein bißchen nach Fabilenes Galerie. Aber es gibt ja noch einige andere. Eigentlich sind die Chancen für RL Künstler nicht die Schlechtesten. Siehe Bryn Oh, die imer öfter den Weg in RL Ausstellungen und Multimediaevents findet und nun endlich auch ihre RL Identität bekannt gegeben hat. Natürlich noch ein Vorteil des anonymen Accounts. Wenn`s richtig läuft kannst du irgendwann den „Ich bin Batman“-Effekt nutzen.

  19. 1. August 2012 um 1:42 pm

    Nun da fällt mir folgender Text auch ein von einem Songtext „kranke Welt“:
    „wir haben kapituliert haben uns selbst aufgegeben,
    um ein Teil davon zu sein und irgendwie gut zu leben, “

    Es ist doch im Ernst so, viele Menschen haben keine wirklichen Ziele mehr heute. Früher gab es Ideologien, Schritt und Schritt etwas aufzubauen. Es gab Ehrgeiz, um etwas aus sich zu machen. Früher arbeiteten die Menschen an ihren eigenen Sensationen. Heute ist es doch so, Krieg in Syrien => Sensationsgeilheit. Irgendwelche Superstargeschichten im Fernsehen => Sensationsgeilheit. Es ist irgendwie ein allgemeiner Wandel, dass die Menschen dazu veranlasst hat, auf andere Sachen zu schauen, auch wenn sie nie selbst betroffen davon sind. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass Menschen in virtuelle Welten flüchten und auch ich tue es gerne. Weil im Ernst: Wirkliche Ziele hat kaum einer noch heute. Ziele kann man nur haben, wenn man sich in etwas hineinsteigert, sei es ein Vereinssport, Politik usw… Ehrgeiz um sein Lebenswerk aufzubauen gibt es kaum noch.

    • 1. August 2012 um 1:46 pm

      Justin, im Ernst: lies Fight Club.

  1. 31. Juli 2012 um 12:24 pm
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