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Windzeit, Wolfszeit, eh´ die Welt zerstürzt.

29. Oktober 2012

Sieht nicht sehr germanisch aus, oder? Außerdem – wenn überhaupt, kommt er ja nicht einmal von der Küste, sondern etwa aus dem Gebiet des heutigen Odenwalds. Aber erstens findet man kaum Sims, die in dieser Hinsicht optimiert gebaut sind (die üblichen Waldsims sind etwas zu offen und freundlich für einen rechtsrheinischen Urwald um siebzig vor Christus) und zweitens … so ein Wikinger braucht ja Platz.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Cetus/Tjyrolf nie so spielen werde, wie ich ihn hier einmal spaßeshalber ausstaffiert habe. Den Haarknotenwurstel auf dem Kopf, den die neckarsuebischen Krieger spazieren trugen, kann man in SL natürlich nicht bekommen, also einfach so aufgeknödelte Haare. Nah genug dran. Aber für die immens hässlichen, zu dieser Zeit bei den Völkern am Rhein unglaublich beliebten, dreiviertellangen Jogginghosen (sehen auf Abbildungen zumindest aus wie von Adidas) gibt es ein schönes Mesh-Substitut. Dazu noch ein Felljäckchen, Deko-Torques und fertig. Hübsch germanisch. Wenn auch ohne Langboot.

Was das Ganze nun soll bleibt nebulös. Vermutlich etwas Wehmut, dass man in SL die Wahl hat zwischen historisch halbwegs korrekt und deshalb wenig Mitspieler oder dem üblichen Laissez-faire und einem Sack voll Hollywoodklischees. Ist es das, was den Leuten Spaß macht? Alles zu dürfen? Keine Beschränkungen? Die große Freiheit?

Hobbithäuser im Hintergrund einfach ignorieren.

Ist nicht das Schöne am RP, einer Rolle Leben einzuhauchen, die eben nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern die sich in ihre Umgebung zeitlich und räumlich einfügt und dabei dennoch ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter hat? Sind Herausforderungen, auch mit schwierigen Rollen voller Beschränkungen umzugehen, einfach nicht gewollt? Muss es immer der einfache Weg sein, weil man sich nicht „anstrengen“ möchte? Weil man kein „Elitist“ sein möchte? Immer kleinster gemeinsamer Nenner? Soll ja keiner was lesen müssen? Anscheinend ist mittlerweile sogar die Lektüre von zwei, drei Wikipedia-Artikeln eine Zumutung, die man potentiellen Spielern nicht antun möchte. Statt dessen mundgerechte Fantasy-Häppchen. Das passt zu der Beobachtung, dass nirgendwo „Leistung“ mehr als positiv betrachtet wird, sondern immer als „schmerzhaft“ gilt. Und das schöne Gefühl, durch eben solch eine „Anstrengung“ auf einmal ganz in einer fremden Haut zu stecken, die Welt aus den Augen eines germanischen Auxiliarsoldaten sehen zu können? Ist das nichts? Plötzlich tatsächlich zu versuchen, auf der Agora von Syracus mit einem Orakel des Apollon über die Fesselung des Wolfes zu diskutieren … einen Herzschlag lang in Brundisium das Blut auf dem Sand der Arena riechen zu können, das Schreien der entfesselten Menge tatsächlich im Ohr zu haben und im Siegestaumel wirklich vorm PC die Arme hochzureißen … Nur für eine Sekunde … sein?

Statt dessen … das ewig Gleiche, das ewig Bekannte. Alltag. Wollen die Spieler das? Wirklich? Immer nur wieder die nächste Beziehung, schale Simulation einer ausschweifenden Orgie. Das Höhlengleichnis in bunt und 3D.

Nein, ich möchte die Anstrengung. Ich bezahle mit ewigem Zweifel, mit ewiger Suche, mit ewigem Streben. Aber die goldenen Momente sind es wert. Mit Msanaa auf der Flucht vor Granatus … mit Serena der Einbruch ins Badehaus … jeder Kampf in der Arena … Thalabs Angst, des Mordes an Faba verdächtigt zu werden. Oder: Zacharias´ kindliches Staunen vor Anderas Yacht … der Blick auf die goldglänzende Hülle der Indomitable. Oder: Das Knacken eines Zweiges unter Jonahs Stiefel bei der Verfolgung des Rudels. Oder: Rattes atemloses Belauschen des Tremere …

Ach was, ist mein ewiges „ceterum censeo“. Das wird nichts ändern, denn auch wenn ich hunderte Geisterfahrer sehe, bleibe doch ich derjenige, der anscheinend in der falschen Richtung unterwegs ist. Tja, Tocotronic, Kleinkunst!

Und in alledem und trotz alledem: War gestern die Party, um ein ganzes Jahr Brundisium zu feiern. Kenny legte ganz nach Wunsch des Publikums auf (ich bekam „I hope you die“ von der Bloodhound Gang) und nach einiger Zeit der üblichen Soziophobie schwang sogar ich das Tanzbein.

Alles Gute, Brundisium! Mögest Du auch weiterhin die Fackel hochhalten.

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  1. Adran
    29. Oktober 2012 um 10:43 am

    Eine zünftige Orgie habe ich in SL noch nicht erlebt. Nicht das es an gutem Willen gemangelt hätte, aber letzten Endes waren die goreanischen „Ausschweifungen“ auf denen ich war auch nur ein heiteres „Kajira-haschen“.

    Es fehlt der Sense of Wonder, die Ehrfurcht vor der Welt in der man spielt. Und das darf von mir aus gerne Hollywood sein – der blutsaugende Moloch Rom, mit seiner degenerierten Oberschicht und den Leuten voller Ambitionen ist eine tolle Kulisse – genau wie das blutrünstige, grausame, fremdartige Gor mit seinen Alientyrannen. Nur sollte man diese Kulisse auch am Leben lassen und sie nicht durch kackende Thalarions, Bäcker und „Yes Master, rape me pliz“ Sklavinnen meucheln.

    Aber das Thema ist sehr komplex, hab ich gestern mit dem Bulldozer fast tot debattiert.

    • 29. Oktober 2012 um 10:48 am

      Man muss die Regeln kennen, bevor man sie brechen darf. Das ist das Geheimnis.
      Andererseits schützt das auch nicht, wenn die Phantasie sich dann darin erschöpft, Handels- und Diplomatiereisen zu unternehmen – nicht, weil es einen Plot ergeben oder darauf basieren würde, sondern weil es das Einzige ist, das einem zu einem Charakter einfällt.

      Echt, SL macht einen zu Walldorf & Stadler … man keift aus der Loge das immergleiche „Alles Scheiße!“

  2. 29. Oktober 2012 um 11:13 am

    Genau so isses!
    Toller Artikel, trifft genau ins Schwarze Herr Walldorf!

    Sleen

  3. Serena
    29. Oktober 2012 um 4:05 pm

    Ich denke nicht, dass es ein „Richtig“ oder „Falsch“ gibt. Jeder kommt um das zu tun was ihm liegt. Und wenn Dir viele Geisterfahrer begegnen dann macht das Deine Richtung weder gut noch schlecht sondern sagt m.E. lediglich aus das Du nicht dem Mainstream entsprichst mit Deiner Route.
    Klar, gegen den Strom schwimmen ist anstrengend.
    Aber weder falsch noch richtig sondern einfach „Deins“ so wie die ganzen Geisterfahrer „Ihrs“ durchziehen.
    Ich denke wir müssen nicht alles werten, einiges darf man einfach als gegeben hinnehmen.
    „Glücklich ist, wer vergisst, was……..“ usw.

    Als einer der dem Mainstream trotzt hast Du auf jedenfall einen schönen Nebenplatz entdeckt: Die Kultivierung des gefplegten Rantelns aus der Loge.
    Ist doch auch was. Macht Dir so schnell niemand nach.
    😉
    *Piggy grüsst mal nach oben*

    • 29. Oktober 2012 um 4:09 pm

      Ist nicht unbedingt der Platz, den ich mir aussuchen würde. Ich würde lieber die ganze Zeit Jubeln.

      • Serena
        29. Oktober 2012 um 5:55 pm

        ach…….. wer kann das schon? Die halbe Zeit jubeln wär doch auch schon genial!

  4. Johanna
    30. Oktober 2012 um 1:40 pm

    Zasta Korobase :
    Ist nicht unbedingt der Platz, den ich mir aussuchen würde. Ich würde lieber die ganze Zeit Jubeln.

    Von 8°° bis Mittag frohlocken, von Mittag bis 20°° Hosianna singen!

    • 30. Oktober 2012 um 1:41 pm

      Auch ´ne Möglichkeit.
      Aber dann doch lieber Gerhard Polts Kartoffelbreikunst als immer frohlocken.

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