Ghurab: Nachtregen

31. Juli 2015

Ich weiß nicht, was mich geweckt hat. Als ich die Augen öffne, ist erst einmal Verwirrung. Wo ich bin. Was ich bin. Das übliche. Ich atme tief durch, spüre ein Gewicht auf meinem nackten Bauch und fange an, mich zu erinnern.

Ich schiebe den Arm, der mir auf den Magen drückt, zur Seite. Von rechts kommt ein schläfriges Murmeln aber kein Erwachen. Der Ozongeruch eines Gewitters steht in der warmen Nachtluft. Von draußen dringt das Anbranden des Regens durch die offene Terrassentür. Ich sehe hinaus; der Gewitterhimmel hängt hell vor dem Schwarz des Gästezimmers. Ein Blitz wandert über die Wolken. Ich zähle. Donner. Noch etliche Kilometer entfernt. Ein Windstoß schiebt die Moskitonetze nach innen. Dann wieder Windstille, nur das Rauschen des Wassers.

Wie schon seit Monaten ist der erste Gedanke immer: „Tannan“. Ich stehe auf und gehe leise hinüber zu ihrem sorgfältig eingegitterten Bett. Hinter mir immer noch keine Regung.

Sie ist wach. Natürlich. Wahrscheinlich hat sie mich geweckt, in dem sie mir in den Kopf gesprungen ist. Sie ist unglaublich begabt darin, sich mit der Macht anzunähern und zu sehen. Aber sie ist erst ein halbes Jahr alt, weshalb sie weder von Erziehung noch Moral daran gehindert wird, diese Fähigkeit zu den unpassendsten Zeitpunkten einzusetzen.

Sie sieht zu mir hoch, streckt mir ihre Arme entgegen. Ernst in den phosphoreszierend gelben Augen. Ihre Majestät möchte vom Butler hochgehoben werden. Jetzt. Ich greife nach ihr und nehme sie auf. Trage sie zum Durchgang nach draußen. Ich mache einen Schritt auf die Terrasse. Ein kleines Vordach schützt uns vor dem Regen, den der Wind trotzdem bis fast ins Zimmer drückt. Die Nässe unter meinen nackten Sohlen ist warm auf den uralten Steinquadern.

Wir sind an der Ostseite von Onkel Ginyus seltsamem Rückzugsort, mitten im Nichts, weit weg von der Familie und die Koordinaten so geheim, dass es etliche Sprünge durch etliche Reifen brauchte, bis ich überhaupt wusste, wo ich hinmusste. Das Anwesen ist ein uralter Tempel. So lange verlassen, dass selbst Machtgeister sich vermutlich gelangweilt haben und weggezogen sind. Zwischen den Granitquadern der Mauer wachsen Schlingpflanzen, krallen sich fest und sprengen in langsamer Arbeit Plättchen um Plättchen ab, bis irgendwann nichts mehr übrig sein wird und der Dschungel, der von unten an das Hochplateau brandet, sich alles zurückholen wird.

Wieder einer von seinen verrückt-genialen Plänen. Wieder einmal Teil von etwas sein. Diesmal allerdings ohne Meister Concabille. Statt dessen ist Skaara wieder bei uns. Tannan freut sich darüber; sie mag ihn und seine seltsame Mischung aus Licht und Schwärze. Und ich freue mich auch. Seine unaufgeregte Art erinnert mich an den Meister. Wir können kämpfen, unsere Fähigkeiten messen und voneinander lernen. Meine Philosophie des Konflikts und seine der Begegnung von Weiß und Schwarz treffen zwischen zwei Klingen aufeinander.

Tannan sitzt mir auf der Hüfte und hat eine Hand fest um einen meiner Kinntentakel geschlossen. Sie sieht aufmerksam in den Regen. Beobachtet vermutlich die Myriaden Lebensfunken im Dschungel oder versucht ein paar jagende Fleischfresser anzulocken. Ich küsse ihre warme Stirn, flüstere in das winzige Ohr „Such´ deine Mutter, Kampfzwerg. Sag mir, wo sie ist. Und wie es ihr geht. Machst du das für mich?“ Sie dreht das Gesicht nach oben, sieht mich an. Wie viel versteht dieses Kind schon von dem, was ich sage? In Momenten wie diesen habe ich das seltsam beunruhigende Gefühl, dass es wenig gibt, das sie nicht begreift.

Aber das wäre zu viel verlangt. Niemand kann quer durch die Galaxis … nein. Vielleicht. Aber nicht jetzt. Nicht so klein, nicht so unerfahren, nicht ohne jede Ausbildung. Außerdem ist es besser wenn ich nicht weiß, wo der Meister ist. Denn das bedeutet, dass sie ebenso ahnungslos ist, wo ich mich aufhalte. Und so lange Tannan noch durch Borraa und den Rest der Familie in Gefahr ist, dürfen wir keine Spuren hinterlassen.

Der Meister wird sich melden, sobald sie die gefunden hat, die wir suchen. Und falls sich diese … Personen als die richtige Wahl erweisen. Bis dahin sind wir aufgeteilt, bilden schwierigere Ziele.

Vielleicht ist es ja nur Paranoia. Vielleicht jagt uns keiner der Familie. Vielleicht haben sie längst andere Ziele. Für ihren Hass. Ihren Ehrgeiz. Ihre Unversöhnlichkeit. Aber auf ein „vielleicht“ will ich nicht bauen.

Das Gewitter kommt näher. Als ein heftiger Windstoß den moosigen Geruch des Dschungels zu uns heraufträgt, streckt Tannan die Arme danach aus und lacht. Ein blauweißer Blitzfinger fährt ein paar hundert Meter vor-unter dem Tempel in das wogende Durcheinander der Baumwipfel, das metallische Krachen des Donners treibt mich zurück ins Innere des Gästezimmers.

Als ich Tannan in ihr Bett lege, ihr leise „Morgen gehen wir in den Wald“ verspreche, während ich das dünne Leintuch über sie ziehe, spüre ich Skaaras nicht-Blick in meinem Rücken. Nicht meine Schuld, dass er wach ist. Der Donner ist lauter als Tannans Gedanken.

Das Gewitter rumpelt durch den Talkessel, als würde es hundert leere Fässer mitschleppen.

Advertisements
Schlagwörter: , , ,
%d Bloggern gefällt das: