Eine Ankunft

9. August 2016

Werwolf_Homid1

Der Übergang vom klinischen, airconditiongefilterten Inneren des Flughafens zum stinkenden, stickigen Draußen war ein Schlag vor den Kopf. Sigurson fletschte die Zähne, als würde Missbilligung den Smog und das entfernte Heulen von Sirenen verscheuchen können.

Er stapfte an der Reihe der wartenden Taxis vorbei. Dort, wo er hinwollte (musste! Von wollen konnte nur sehr begrenzt die Rede sein), würde ihn wahrscheinlich keiner der Fahrer bringen. Nicht eben eine touristische Gegend. Aber genau der Ort, um alles zu bekommen, was er für den Auftrag brauchte.

Der Ire hätte selbstverständlich seelenruhig schon alles mit im Koffer schleppen können. Der wurde nicht an jedem Flughafen der westlichen Welt – und insbesondere natürlich der US of A – für eine „stichprobenartige, zufällige Kontrolle“ herausgewunken. Zufällig … na sicher. Sigurson traf dieses Schicksal immer. Jedes einzelne verfickte Mal. Da nützte kein schwedischer und kein britischer Pass. Sie lasen den Vornamen und er war dran. Rassistische Wichser. Und dann glotzten sie jedes Mal wie die Schafe, wenn er blond und arisch über ihnen aufragte, wie aus einem Leni-Riefenstahl-Film gefallen. Nur um zu zeigen, dass sie ihn definitiv nicht wegen seines Namens ausgesucht hatten, filzten sie ihn dann jedes Mal um so gründlicher. Es war zum Ausrasten.

Und irgendwie hatte Sigurson den Verdacht, dass Jason ihm genau deshalb so oft die Jobs in Amerika gab. Eine Art sadistischer Spaß. Ein Witz, den er sich selbst erzählte.

Er nahm die Subway. Verfranste sich im unübersichtlichen Geflecht aus Expresszügen, landete in New Jersey und musste wieder zurückfahren. Dieses Land kotzte ihn an. Eine Infrastruktur wie Somalia aber mit Sendungsbewusstsein.

Es war schon fast dunkel, als er dann doch am richtigen Bahnhof aussteigen konnte. Die Sommerhitze, die New York im August immer in eine aromatische Hölle aus Pissegeruch und Schweiß verwandelte, hatte sich gemildert, hing nur noch in den Backsteinen der alten Häuser, die sich in endlosen Reihen aneinanderdrängten.

Sigurson stapfte die Straße hinunter, ließ sich von Google Maps leiten und war sich sehr bewusst, hier aufzufallen. Augen folgten ihm. Spielende Kinder – hier interessierte sich kein pädagogisch angestrengter Elternteil für Schlafenszeiten – hielten inne und starrten ihm hinterher.

Er kam an einem chinesischen Take-out vorbei, von dem er wusste, dass er dort morgen die passende Munition bekommen konnte. Der Job war nicht übermäßig kompliziert, aber ungewöhnlich. Und Jason hatte ihm nicht gesagt, wer ihn beauftragt hatte. Wenigstens ein recht exklusiver Ort, dieses Mal. Eine Insel in den Hamptons. Schnittchen, Sekt und Golf? Es hatte nicht so geklungen. Also wohl eine der weniger gut erreichbaren und nicht ganz so unbezahlbaren.

In einer Durchfahrt zwischen zwei Häusern hielt er inne. Es war Zeit, sich die Einzelheiten zu holen. Er wählte Jasons Nummer.

Als hätte der auf ihn gewartet nahm er fast sofort ab.

„White Shadow Limited….“

„Jason – ich bins, Mohammed. Ich bin durch. Schick mir die Daten.“

Ein kurzes Schweigen am anderen Ende. Als könnte man in der Statik des Äthers noch die Distanz bis zum alten Kontinent hören. Früher hätte man noch das Klacken von Tasten vernommen. Jetzt nur noch glatte Effizienz spiegelnder Oberflächen.

„Sind auf deinem Space. Melde dich, wenn du Kontakt aufgenommen hast.

„Klar. Mach‘ ich. Gute Nacht, Jason.“

„Gute Nacht, John-Boy“ Ein leichtes Lachen in der Stimme. Ja. Haha.

Sigurson drückte den roten Hörer und wollte wieder Maps öffnen, als er sie spürte. Oh, bitte nicht. Er war schon schlecht gelaunt genug und jetzt auch noch Spuren verwischen müssen … Andererseits – der Durchgang, in dem er stand, war nicht einsehbar. Weshalb sie ihn wohl ausgewählt hatten. Na gut. Es ließ sich wohl nicht vermeiden.

Werwolf_Homid2

Vier junge Männer. Gingen ihm nur bis zum Schlüsselbein aber waren bewaffnet. Er konnte die Drogen in ihrem Blut riechen. Er hob die Hand in ihre Richtung. „Ich will keinen Ärger ..“

„Zu spät dafür, Cracker.“ Der Anführer zog eine Handfeuerwaffe.

Das war nicht amüsant. Nicht im Geringsten. Sechs Stunden Flug, eine Kontrolle und zwei Stunden in einer U-Bahn mit einem Haufen unangenehmer Menschen. Und jetzt auch noch das. Sigurson seufzte. Stellte die Tasche ab.

In dieser Gegend störten Schreie und Schüsse niemanden.

Zumindest ein wenig Glück.

Ein paar Pancakes mit Sirup … die hätte er sich danach verdient. Ob es diesen Diner mit dem 24/7-Frühstück drei Blocks weiter noch gab?

Werwolf_Wolves


OOC: Ich plane einen Plot für das Changeling-RP. Das hier ist der erste Einblick. Ich weiß, dass ich das fast nur für mich selbst mache (wenn auch auf jeden Fall Platz für interessierte Mitspieler ist!) – aber ich habe Spaß. Ich liebe das Suchen, das Finden. Das Planen der Hintergründe und das Ausarbeiten der Ästhetik und der NSC. Online-RP kann so ein feiner Spielplatz sein! So much room for activities!

  1. 9. August 2016 um 8:32 am

    Toll geschrieben – macht Appetit auf mehr! Bitte fortführen.🙂

    • 9. August 2016 um 8:57 am

      Danke.🙂 Da ich mit jemandem spiele, der noch keine Ahnung von der World of Darkness hat, kann ich auch jede Menge Andeutungen machen und das ist richtig nett!

  2. 9. August 2016 um 9:15 am

    Andeutungen. Aha. *grinst breit*
    Vielleicht deutest Du wenigstens mal an ob alt oder neu? :p

    • 9. August 2016 um 9:24 am

      Also nichts Neues, das ist mal sicher. Schön noch zu Apocalypse, Masquerade und dergleichen -Zeiten. Das neue Zeug macht mir Kopfschmerzen vom facepalmen. (Ich bin konservativ)
      Aber prinzipiell dürfte das in diesem Bereich nicht so wichtig sein. Das läuft alles.🙂

  3. 9. August 2016 um 9:32 am

    Dann lass mal laufen………🙂
    Der erste Einblick macht deutlich Lust auf mehr.

  1. No trackbacks yet.
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: