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Nummer zehn ohne Soße

10. August 2016

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Gut essen konnte man hier. Wirklich gut. Wobei mit „hier“ in diesem Fall nur New York gemeint war. Sigurson stammte zwar nicht aus einem Land, dessen kulinarische Tradition einen besonderen Ruf genoss (im Gegenteil – den meisten Leuten fielen maximal Knäckebrot und Surströmming ein), war aber durch den kulturellen Einfluss seiner Mutter doch reichlich verwöhnt. Und so sehr ihm die amerikanische Fertigfutterbesessenheit auch auf die Nerven ging, so liebte er doch die Menge an diversesten Restaurants in New York. Und seit er dort die beste Portion Arap Köftesi außerhalb der Küche seiner Großmutter hatte essen dürfen, glaubte er bedingungslos daran, dass auch der Rest der internationalen Spezialitäten in der Stadt maximal authentisch sein musste.

Wie jetzt zum Beispiel. Angeröstete Jiaozi. Das war doch etwas.

Das Ambiente mochte nicht eben ansprechend sein – der übliche Kitsch aus sich bewegenden Wasserfallbildern, Plastikbezügen und gezupfter Konservenmusik – aber Service und Menü waren erstklassig. Serviert an Resopal-Stehtischen mit Plastikbesteck. Bis hin zum letzten Gang.

Der Chef kam aus der Küche, als Sigurson die Papierserviette zerknüllte und auf den Teller legte. Sah ihn von unten herauf an und setzte dieses eisenharte Lächeln auf, das viele chinesische Einwanderer nutzten, um Amerikanern – oder jedem anderen Weißen, sie machten keinen Unterschied – zu signalisieren, dass servile Freundlichkeit nur eine von vielen Optionen war. Eine kurze, winkende Geste.

Sigurson nickte und folgte dem Alten durch die Küche, wo etliche Familienmitglieder entweder Dinge zubereiteten oder rauchten. Ihre Augen folgten ihm ausdruckslos. Weiter hinaus in den Flur und durch einen mit Pappkartons und halben Fahrrädern vollgestellten Hinterhof ins nächste Haus. Eine Treppe hinauf, der Flur roch nach Bohnerwachs und Schnaps. In eine Wohnung hinein. Der alte Koch hielt einen Vorhang aus aufgefädelten Perlen zur Seite und Sigurson duckte sich hindurch.

Der Raum war erfüllt vom im Hals kratzenden Geruch etlicher Räucherkegel. In der Ecke stand auf einem mit Spitzendeckchen behangenen Regal ein stumm irrwitzige chinesische Slapstickfilme abspielender Fernseher. Als Sigurson eintrat, erhob sich eine junge Frau, die mit ihrem Telefon gespielt hatte und verschwand durch den Perlenvorhang nach draußen. Er roch ihr blumiges Parfum.

Auf einem erhöhten Podest saß eine sehr dicke Chinesin, die die Fünfzig wahrscheinlich mit Lichtgeschwindigkeit passiert aber dann beschlossen hatte, dass es nun mit Altern genug sei, weshalb sie sich in zu enge Kunstseidenkleider stopfte und mit chirurgischer Präzision schminkte. Sie hatte auf einem IPad herumgewischt (wohl eher ein chinesischer Nachbau) und sah erst auf, als er sich vor ihr verneigte und sich hinsetzte. Trotz des Podestes waren sie nun auf Augenhöhe.

Er wartete, bis sie ihn ansprach.

Sie ließ sich Zeit. Beendete erst ihre Mail oder was immer sie auch tat. Candycrush spielen, soweit es Sigurson betraf.

„Jason hat dich angekündigt, Cliath. Du bist Jumps the River, hm?“

Er neigte höflich den Kopf. „Ja, Athra“

„Ihr verlasst euch ein wenig zu sehr darauf, dass wir alte Schulden nicht vergessen.“ Sie hob in großer Geste die Hände. Sigurson konnte an ihrem kleinen Finger einen goldglänzenden, krallenartigen Aufsatz erkennen. Ein Koksnagel deluxe.

„Es ist eine Bitte um Unterstützung, Athra. Es hat nichts mit den vergangenen Jahrhunderten zu tun. Immerhin sind wir mittlerweile völlig anders.“

Ein reptilhaftes Lächeln ihrerseits. „Natürlich seid ihr anders, sonst müsste ich dich ja mit einem Buchstaben ansprechen.“

„Es liegt auch in eurem Interesse.“

„Das könnte ich eher bestätigen, wenn ich ein paar mehr Details hätte, Cliath.“

Sigurson nickte, neigte wieder den Kopf. „Es handelt sich um die Korruption eines Caerns. Die Informationen sind spärlicher, als es uns lieb ist – aber es scheint, dass zwei Magier darin verwickelt sind, die offenbar etwas zu freundlich mit Wyrm geworden sind. Ich habe einen Ort und Ziele. Mehr noch nicht.“

Sie sah ihn mit einem listigen Funkeln in den Augen an. „Magier! Das erklärt die Anfrage nach der Munition. Ich habe nun die Wahl, dir zu glauben oder es nicht zu tun.“

Sie ließ sich wieder etwas Zeit. Spreizte die Finger, der goldene Aufsatz fing das Licht der rot abgedeckten Tischlampe neben dem Fernseher.

Schließlich klatschte sie in die Hände. Die junge Frau mit dem Orchideengeruch trat wieder ins Zimmer. Wartete schweigend an der Wand, während die Athra ihre Entscheidung verkündete.

„Du bekommst dein Werkzeug, Junge. Ich kann mich noch zu gut an die getöteten Kinder erinnern, als die Fomori aus dem Schlachthof bei uns eindrangen. Damals wart ihr da. Wir vergessen nicht.“

Sie wandte sich an die junge Frau, die Augen weiterhin auf Sigurson. „Chen Lu, die Tasche ist in meinem Zimmer. Gib sie unserem Gast und dann kannst du ihn hinausgeleiten.“

Die Angesprochene verbeugte sich elegant und bewegte sich rückwärts aus dem Raum. Sigurson erhob sich, imitierte die Verbeugung gegenüber der Athra nicht ganz so elegant und wollte folgen, als sie ihn noch einmal ansprach. „Wenn du deinen Auftrag erledigt hast, bist du zu einem Ritus eingeladen, Cliath.“

Noch eine Verbeugung, weil es nicht schaden konnte. „Ich bin geehrt, Athra“

Dann war er draußen. Er konnte hören, dass sie den Ton des Fernsehers wieder eingeschaltet hatte.

Er folgte Chen Lu, die ihm eine Jagdtasche reichte. Schwer und gut gefüllt. Er würde es brauchen.

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Sigurson wurde nach draußen geleitet, nicht durch den Eingang des Restaurants sondern auf der Rückseite des Hauses. Noch ein Blick in dunkle Augen, die ihm gegenüber völlig gleichgültig waren. Dann schloss sich die Tür und er war allein in einer Gasse voller Mülltonnen und Ratten.

Er hatte die Werkzeuge. Nun ging es an die Observation. Aber erst morgen. Der Jetlag steckte ihm immer noch in den Knochen.

Morgen.

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