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Ein Handel mit dem Teufel

28. August 2016

Zach-jamieDas war eines der schönsten Dinge an Amerika! Man musste nur den richtigen Akzent mitbringen, ein wenig Benehmen auffahren, sich zu den richtigen Zeiten dann wieder auf dreist-selbstverständliche Art eben nicht benehmen und schon war man ein Lord.

Und kein Pfarrerssohn aus den langweiligen Cotswolds, zu jung für den großen Krieg, zu jung für das, was passierte und zu alt für diesen Scheiß.

Zachary stand auf. Keine große Vorsicht von Nöten. Seine drei Spielgefährten waren weit jenseits der Ansprechbarkeit. Er ging zur Kamera und schaltete sie aus. Zog die Speicherkarte heraus und schnappte sich das Laptop. Er schlenderte hinüber zu den großen Fenstern, seine Füße verursachten auf den kalten, glatten Holzbohlen kaum ein Geräusch und die Kühle machte ihm nichts aus. Ihre Lordschaft hatte gut gespeist, ebenso guten Sex gehabt und Einverständniserklärungen für Videos waren Pillepalle, um den er sich noch nie gekümmert hatte. Vor allem dann nicht, wenn sein optisches Alter beim Rest der Beteiligten sowieso dafür sorgte, dass sie freiwillig ruhig blieben. Dies war ein gutes neues Jahrhundert!

Und hin und wieder kam sogar jemand vorbei, der aus der Masse herausstach. Sorgte mit ein wenig Aufregung dafür, dass Zachary sein Ennui vergessen konnte. Aufhörte, sehr bewusst zu verdrängen, warum er nicht mehr in London war und statt dessen einfach das Hier und Jetzt vergaß.

Wie dieser Tänzer (ein Tänzer! Von allen Menschen, hatte es ein Tänzer sein müssen. Das konnte nur ein Zeichen sein. John hätte ihm jetzt gesagt, wer an Zeichen glauben würde, sollte dringend seinen Kopf untersuchen lassen … aber das war doch ein bisschen zu viel für einen Zufall. Nicht, dass Zachary nun behaupten würde, Arikel wäre auferstanden und würde durch diesen Magus zu ihm sprechen … aber ein wenig amüsierte Ehrfurcht hatte noch nie geschadet).

Es hatte ein wenig Überwindung gekostet, die Naivität des Jungen nicht auszunutzen und ihn zu trinken. Nur ein bisschen … Aber das wäre Zachary nicht gut bekommen. Zu rein, zu gut ernährt, keine Chemie in ihm. Wohlschmeckend aber nicht das, was wirklich nahrhaft gewesen wäre.

Zu seiner eigenen Überraschung war Zachary sicher, dass er Jamie helfen würde. Einfach so. Ohne Hintergedanken und vermutlich sogar ohne all zu viel für sich selbst an Profit herauszuschlagen. Vermutlich seine viel zu präsente romantische Ader. Er schnaubte ein Lachen.

Aus einem unerklärlichen Impuls heraus öffnete er Skype. Klickte auf Sues Avatar … Anrufen. Es dauerte etwas, dann ging sie ran. War offensichtlich am Handy, denn er hörte das rhythmische Klacken ihrer Absätze und ein Klirren, als sie ihren Kopf zur Seite warf und ihre Ohrringe sich verfingen. „Na sowas, der verlorene Sohn meldet sich. Ich dachte, du trotzt noch mit John und redest deshalb auch mit keinem von uns, Kleiner.“ – „Ja. Hallo Sue. Ich freue mich auch, deine Stimme zu hören.“ – „Ach Zach, sei nicht die beleidigte Diva. Natürlich freue ich mich. Aber ich bin auf dem Weg zu Evelyn-“ Sue brach ab. Ja, das war dann doch etwas zu viel. Zachary bereute es schon wieder, angerufen zu haben. Zu viel alte Dinge. Zu viele Jahrzehnte und zu viele Emotionen.

Sue nahm die abgebrochene Unterhaltung selbst wieder auf. „Es tut mir leid. Aber ich kann nicht um alle Themen herumschleichen, wenn du dich alle Jubeljahre wieder meldest. Klär´ das mit den Beiden und lass´ mich da raus.“ – „Du weißt, dass man das nicht klären kann. Ventrue haben immer recht. Weil. Und darauf habe ich keine Lust. Es ist ja auch nicht so, als hätte einer von euch anderen irgendwie eingegriffen.“

Sue lachte ein wenig gekünstelt. „Zach … ich werde keine Partei ergreifen. Das ist eure Sache. Und außerdem weiß ich ziemlich genau, dass John so staubtrocken und nüchtern ist, dass alles Drama immer nur von dir ausgeht, mein Süßer. Also – nicht mein Bier. Aber ich mag mich nicht streiten. Ich freue mich, von dir zu hören. Wie läuft es in den Kolonien?“ – „Alles in Ordnung. Ich bekomme doch mit, dass du meinen Channel abonniert hast, also siehst du doch, was los ist.“ – „Ich weiß, wem du Drogen verabreichst und mit wem du dann vor der Kamera amüsante Schweinereien veranstaltest. Aber das sagt mir nichts über dich.“ – „Hm. Ja. Nun, nichts Besonderes.“ – „Du rufst nicht wegen nichts Besonderem hier an.“ – „Na gut. Ich hatte eine kurze Begegnung mit wahrer Liebe. Und du weißt ja, dass mich das immer ärgert. Also wollte ich mit jemandem reden, dem so etwas völlig fremd ist.“

Eine kurze Pause am anderen Ende. Der frühmorgendliche Verkehr in London war noch spärlich aber zu hören. „Ah ja. Du bist immer noch ein Biest, Zach. Und du hast auch immer noch die Marotte, dass dir andere weh tun sollen, damit es nicht so schmerzt. Aber heute steige ich nicht darauf ein. Werd´ erwachsen, mein Herz. Du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst. Meinetwegen wohne auch wieder in der Mansarde. Aber das Gekasper mit John und Evelyn bekommst du bitte ganz allein in den Griff. Apropos Evelyn. Ich stehe gerade vor seinem Haus. Also muss ich jetzt auflegen. Bis bald, Zach.“

Stille. Sie hatte tatsächlich einfach das Gespräch beendet.

Hatte ihn mit diesem ganzen Irrsinn allein gelassen, den Mr. Smith vor seinen Füße gekippt hatte, weil er dem pompösen Sir O. noch einen Gefallen schuldete. Mit einem jungen Magus, den man nicht komplett fressen durfte. Mit, ja … wahrer Liebe und ihren Folgen. Die er morgen ganz direkt ins Gehirn gepustet bekommen würde. Ganz großes Kino.

Andererseits war ihm schon länger langweilig. Und das hier versprach Potential für Amüsement zu haben. Schon allein, dass der Junge so furchtbar wenig wusste! Wie putzig er ihm Blut angeboten hatte! Wie ein harmloser Welpe, der gerade tapsig aber entschlossen auf eine Industriefritteuse zuhopste.

Und weil Zachary war, was er nunmal war, würde er solch anmutige Schönheit nicht sterben lassen. Würde er seinen Teil beitragen, um das Richtige zu tun. Widerwärtig.

Er zog seine Kleidung aus dem Haufen in der Mitte des Raumes und griff sich seine Autoschlüssel. Seine Liebe zu italienischer Ingenieurskunst hatte in den letzten neunzig Jahren nicht nachgelassen. Er vermisste den 35 B. Der zwar natürlich nicht aus Italien gekommen war – aber damals hatte man das noch nicht so eng gesehen. Jetzt hatte er sich den Aventador zugelegt. Weil ihm der Tesla immer noch zu brav war. Gutmenschenautos …

Und wahre Liebe. Alles war so wundervoll, dass man nur sein Bestes tun konnte, sich das Hirn an einer Highwaybrücke zu verteilen. Was natürlich keine gute Idee war, wenn die Lieferzeit des Lambo so verdammt lange war.

Zachary seufzte resigniert.

Lambo

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