Fische

10. September 2016

The Meeting Sigurson hatte nicht gesucht – aber gefunden. Genauer gesagt hatte sein Totem gefunden. Eines der letzten Überbleibsel aus der gar nicht so guten alten Zeit war, dass die White Shadow keinen eigenen Caern schützten und kein Pack Totem nahmen – dazu waren sie zu oft einzeln unterwegs und konnten sich nicht auf den Schutz und die Taktiken ihres Rudels verlassen.

Sigursons Totem liebte New York. Der Geist wurde fast hyperaktiv und konnte dem Wolf dadurch manchmal ziemlich auf die Nerven fallen. Aber dieses Mal war es nützlich gewesen. Denn ohne die Neugier des Tiers wäre Sigurson der Junge, der in diesem Sushiladen saß und Türmchen aus Algensalat baute, völlig entgangen.

Nein, vermutlich nicht. Denn prinzipiell war es ja eine Falle gewesen. Ohne wirklich eine zu sein.

Jedenfalls saß er dort. Sortierte klebrige Reisröllchen mit affenartigem Geschick und wirkte sehr in sein Tun versunken. Als hätte er nicht vor ein paar Tagen dem Grauen aus der Hölle – dem kleinen Fomori im Lagerhaus – gegenüber gestanden. Gar nicht zu reden davon, dass ihm ein Crinos anscheinend interessant aber nicht erschreckend vorgekommen war, was ihn automatisch wahlweise zu einer Bedrohung oder einem Verbündeten machte.

In jedem Fall hatte Sigurson mehr herausfinden wollen. Neugier und Risikofreude waren Teil seiner Mondphase, er konnte praktisch nicht anders. Dass er, bevor er der Sushibutze einen Besuch abstattete, weder Jason noch sonst jemandem Bescheid gesagt hatte, war hingegen eine riskante Dummheit gewesen. Aber – carpe diem!

Und es hatte sich gelohnt.

Nach einigem Bedrohungsgeplänkel auf niedrigem Niveau hatte man zu einer Übereinkunft gefunden. Ein Burgfrieden. Die … Organisation, der der Junge angehörte, war wohl genau so scharf darauf, verrückten Magiern das Handwerk zu legen, wie die White Shadow. Und sie waren nicht von der Leopoldsgesellschaft. Was sie sonst sein mochten? das konnte Sigurson noch nicht wirklich überblicken. Die Zusammenarbeit würde auf eine Menge gegenseitiges Belauern hinauslaufen. Herausfinden, mit was man es zu tun hatte und das Sammeln von Informationen, um später, wenn man mit ziemlicher Sicherheit wieder auf verschiedenen Seiten stehen würde, davon profitieren zu können.

Der nächste Schritt war, auf die Insel und zu dem bedrohten Caern zu gelangen. Also musste Sigurson seine unauffällige Ferienbuchung auf seinen „Assistenten“ ausweiten. Da es mittlerweile Nebensaison sein sollte, würde das vermutlich problemlos laufen. Wenn es auch einen seltsamen Beigeschmack haben würde. Aber es musste Sigurson sicherlich nicht kümmern, was Leute von einer erfundenen Person und ihrem Assistenten dachten …

Sigurson sah sich nicht um, als er das Sushilokal verließ. Sah auch nicht nach, ob der Scharfschütze vom Dach gegenüber wirklich verschwunden war. So, wie Bram geklungen hatte, wussten sie nichts von Silber. Obwohl ein Kopfschuss mit normaler Munition auch kein Spaß für einen Wolf in Menschenform sein konnte.

Trotzdem – keine Schwäche zeigen. Sigurson schlenderte betont unbesorgt davon.

Nur sein Totemgeist blieb noch ein paar Minuten. Weil er die Illusion von Fisch liebte. Und neugierig war.

Dann sprang er seinem Wolf hinterher.

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