Traumwandler

27. September 2016

Es war noch einige Stunden bis zum Morgengrauen. Der frühherbstliche Tau war schon gefallen und markierte seine Schritte vom Haus bis hier hinauf auf den Hügel. Die Dunkelheit stieg von der Bucht auf und floss wie Wasser über die sich zur Erde biegenden Grashalme. Die Luft war erfüllt vom Salzduft des Meeres und einem scharfen Ozongeruch, als sei ein Gewitter im Anzug.

Einen Fuß vor den anderen. Längst waren aus viel zu empfindlichen Zehen wieder Hufe geworden. Das Tier, die vorzeitliche Gottheit. Heraustretend aus einer Quelle oder einem Findling, verehrt und im Jahreskreis immer wieder blutgeopfert.

Die Wärme des Gefährten, der weiter unten schlief, sicher in einem Nest aus Decken und Magie, hing noch an ihm. Genau wie das Band, das zwischen ihnen gespannt war, sich hinunter zog, Wände durchdrang. Und sich immer mehr anspannte, je näher er dem Ort kam.

Der Caern. Ein Knoten in den Linien, sanft pulsierend vor roher Macht, die sich hier konzentrierte und durch die Schichten der Weltränder drang, als würde man eine Stahlkugel auf ein elastisches Tuch fallen lassen.

Natürlich war es logisch und sinnvoll. Er wäre im kommenden, unvermeidlichen Kampf mit dem Technokraten nicht von Nutzen. Wäre ein weiches Ziel, wie er es schon einmal dargestellt hatte. Die Stunde der Heiler schlug später. Wenn die Krieger zurückkehrten. So war es nun einmal und so war es richtig.

Was nicht bedeutete, dass es ihm gefallen musste. Er spreizte die Schwingen, ließ sie wachsen und sich an seinem Rücken zusammenfalten. Noch ein paar Schritte, dann hatte er den Caern erreicht. Er ließ sich vom süßen Geruch des Glamour umfangen und schloss die Augen. Hier direkt am Knoten schien der Sommer noch in der Luft zu hängen. Ließ die Wärme den Boden noch nicht los. Hatte sich das große Rad noch nicht ganz in den Herbst gedreht.

Er wollte nur die Bestätigung, dass es richtig war. Zu gehen. Nein … sich wegschicken zu lassen.

Die Sterne über ihm flimmerten, als sei es noch mitten im Juli. Er sah hinauf, malte die Konstellationen im Geiste nach. Schüttelte den Kopf, als es ihm schien, als sei alles nicht so, wie es sein sollte.

War es das Richtige?

Er setzte sich hin, legte die Handflächen auf den Boden. Spürte der Kraft und dem Fluss nach. „Es ist gut so, Wings of Ether. Sie wissen, was das Beste ist. Du musst nur folgsam sein, dann wird alles gut ausgehen. Du kannst ihnen nicht helfen, deine Kräfte sind zu gering. Und du willst sie doch nicht behindern? Das schwache Glied in der Kette sein? Nein, das willst du nicht. Du tust das Richtige. Und dann, bald, wenn alles getan ist, darfst du zurück kehren. Freust du dich denn nicht?“

Die Stimme war in seinem Inneren. Sanft und bestimmt. Voller Wahrheit.

Sie hatte recht.

Getröstet erhob er sich wieder. Drehte sich um und sah zum Meer hinunter. Das Haus war eine dunkle Masse vor dem hellen Hintergrund der See.

Das Band zog ihn zurück. Alles würde sich zum Guten wenden.

  1. 27. September 2016 um 3:38 pm

    Wow. Ich mag es wenn Deine Helden allein unterwegs sind. Und ausnahmsweise hab ich mal mehr Emotionen zu diesem Posting als Worte. Jaja….die liebe Immersion…..daher bin ich da jetzt auch ausnahmsweise mal leise.

    *lächelt, weil es manchmal wirklich verblüffend ist.* Ich wollte gestern abend noch bloggen, hab es dann aber nicht mehr geschafft. Glaub es oder nicht, ich wollte Jamie nachdenken lassen und mit einem Foto anfangen, wo er bei der Dämmerung alleine im Bett liegt……..

    • 27. September 2016 um 5:37 pm

      Ich hoffe doch, dass zumindest eine der Emotionen Grusel ist!😉

      • 27. September 2016 um 5:39 pm

        Grusel? Ich nenne das „die drei mystischen Fragezeichen.“ Spannend. Es kommt selten vor das ich jemandes Rhethorik bewundere. Bei Dir fehlen mir jedes Mal die Worte. *verneig*

        • 27. September 2016 um 6:10 pm

          Danke für das Kompliment!
          Für irgend etwas muss die inselbegabung ja gut sein.😉

  2. 27. September 2016 um 5:51 pm

    Hat dies auf FormwandlerLust rebloggt und kommentierte:
    Der gleiche Morgen des Kapitels 23 aus der Sicht von Isar.

    • 27. September 2016 um 5:54 pm

      ach P.S.: Ich habe mir erlaubt diesen Post zu rebloggen…….passt grad so genial. Und…..btw……es ist hoch interessant wie Dein Post in meinem Bloglayout wirkt. Irgendwann brauch ich für Deins ne neue Brille :p

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