Startseite > In Character > Verflechtungen

Verflechtungen

30. September 2016

portrait_zachary

„Hallo Zach, erwähntest Du nicht, Ihr hättet beschlossen in absehbarer Zeit wieder NY zu besuchen? Bitte teile mir mit wenn Ihr ankommt, denn es gibt da etwas das ich mit Dir besprechen möchte. Möglicherweise ist es sogar dringend. Danke sehr. Jamie“

Schwarze Himmel von Metall.

Kreuz in roten Stürmen wehen

Abends hungertolle Krähen

Über Parken gram und fahl.

Er konnte weder das leise Schaben des Spachtels auf der Leinwand hören, noch war ihm bewusst, dass er seit einer Viertelstunde nicht mehr allein in seinem Atelier war. Seine Wahrnehmung war erfüllt von der Kraft des Bildes, das unter seinen Händen aus dem Weiß hervorkroch und der Wucht der Musik in seinem Kopf. Ihm war ein wenig nach Blut und Tod gewesen, weshalb die kleinen Gummistöpsel in seinen Ohren ihm Primo Victoria entgegenbrüllten und die Figuren vor ihm größtenteils rot waren.

Für den ersten Weltkrieg war Zachary zu jung gewesen. Zu jung, um auf Flanderns Feldern Mohnblumen wachsen zu lassen, zu jung um – wie sein Bruder – als Held mit halbem Augenlicht zurück zu kehren. Den zweiten Krieg hatte er schon nicht mehr bei Tag sehen können. Aber weil er – wie die meisten Toreador – Pathos und dramatischer Überhöhung sehr zugänglich war, wollte er seine Fähigkeiten doch in den Dienst am Vaterland stellen. John hatte nur stumm die Augen verdreht – hatte er doch schon im Krimkrieg jeden Enthusiasmus rückstandsfrei eingebüßt. Aber für Zachary waren es ein paar aufregende Jahre als Bomberpilot gewesen, sobald die Air Raids in der Nacht statt gefunden hatten. Er hatte Hamburg unter sich brennen sehen und der Anblick war so grausam und schön gewesen, dass er sich fast dazu gestürzt hätte.

Im Gewölk erfriert ein Strahl;

Und vor Satans Flüchen drehen

Jene sich im Kreis und gehen

Nieder siebenfach an Zahl

Mitgenommen hatte er die Überzeugung, dass Tod nur aus der Entfernung ästhetisch wertvoll war und dass Menschen viel zu schnell vergessen konnten.

Was ihn nicht daran hinderte, gelegentlich Anfälle sinnloser Nostalgie zu erleiden und dann Schlachtengemälde zu erschaffen, gegen die Guernica sich wie ein Spaziergang durch sonnige Felder ausnahm.

Wie eben jetzt. Dann geriet er in einen Rausch, aus dem er halb betäubt erst dann wieder erwachte, wenn der letzte Pinselstrich getan war.

John wusste das, weshalb er sich in einen der tiefen, abgewetzten Sessel sinken ließ und einfach abwartete. Er griff nach Zacharys Reader, der auf dem mit Zigarettenkippen und Resten von weißem Pulver übersäten Beistelltisch lag. Er öffnete die Bücher-App und lächelte, als er die ersten Zeilen las. Ach, Toreador …

In Verfaultem süß und schal

Lautlos ihre Schnäbel mähen.

Häuser dräu’n aus stummen Nähen;

Helle im Theatersaal.

Mit Zacharys Anfällen von süß-melancholischem Wahnsinn ging oft die Lektüre von Trakl-Gedichten einher. Als immer noch überzeugter Freudianer hatte John seine Meinung dazu, behielt sie aber für sich.

Zachary ließ den Spachtel sinken, griff zögernd nach einem Pinsel, überlegte es sich dann aber anders. Er machte einen Schritt zurück und zupfte sich die Kopfhörer aus den Gehörgängen. Er schüttelte sich kurz, wirkte desorientiert. Dann fing er sich und drehte sich um. Nahm John wahr und lächelte, die blauen Augen wolkig-verhangen, noch ein wenig in der Vergangenheit.

Kirchen, Brücken und Spital

Grauenvoll im Zwielicht stehen.

Blutbefleckte Linnen blähen

Segel sich auf dem Kanal.

„Du bist schon länger hier?“ – „Nein. Vielleicht eine Viertelstunde.“

Zachary ging zu Johns Sessel und ließ sich auf den Schoß des Ventrue sinken, wo er sich wie ein Kätzchen zusammenrollte, erschöpft von dem, was durch ihn den Weg auf die Leinwand gefunden hatte. John legte die Arme um ihn. Nach solchen Schaffensmomenten wirkte der Toreador noch viel zerbrechlicher und jünger, als er ohnehin war. Als sei alle Energie in das rotbraunschwarzleichenhelle Grauen geflossen, das dunkel und reglos auf der Staffelei saß wie ein lauernder Alptraum. Es galt, Zachary zu fangen, bevor er zu tief fiel.

„Wann fliegst du nach New York?“ – „Nach … New York?“ – „Die Whatsapp. Des Magus.“

Eine fahrige Handbewegung, ein Wischen über die Stirn. „Ach … ja. Jamie. Natürlich. Ich … ich muss ihm noch antworten.“ – „Also, wann?“ – „Übermorgen, denke ich.“

Zacharys Stimme endete hoch und fragend als er hinzusetzte: „Du kommst dann nach ..?“ John nickte, hielt den Toreador weiter fest im verlässlichen Kreis seiner Arme. „Sobald ich kann. Vermutlich im Laufe der nächsten zwei Wochen.“

Zachary seufzte zufrieden, legte den Kopf an Johns Brust und angelte sein Smartphone vom Tisch. Tippte eine Antwort auf Jamies drängende Frage.

„Ich werde in nicht ganz 72 Stunden amerikanischen Boden betreten. Du findest mich im Club. Ich hoffe, Du bist unterhaltsam.“

Senden.

Es dauerte noch etwas, bis er vollständig zurück in der Gegenwart war. Nun, Zeit war für Vampire selten ein Problem.

Schlagwörter: , ,
  1. 30. September 2016 um 10:25 am

    ….und wieder zimmerst Du die Atmosphäre so dicht, dass sie fast schneidfähig wird. Wundervoll. Ich sollte mich öfter abends zurückziehen, damit Dich ähnlich wie Zach diese Kreativitätsschübe überkommen🙂
    „..ich hoffe, Du bist unterhaltsam.“……das ist sooooooooo typisch für Zach. Ich wollte nur einer meiner Chars wäre so schlüssig wie Deine es sind!

    • 30. September 2016 um 10:45 am

      Vielen Dank für das Kompliment. Aber bei Zach ist es einfach, da ich ihn ja auch im P&P spiele und er mir deshalb sehr vertraut ist.
      Außerdem finde ich Jamie in seiner Nervosität dem Neuen gegenüber und seiner Verwunderung über sein inneres und emotionales Wachstum sehr schlüssig.

      • 30. September 2016 um 10:52 am

        …und gießt damit Öl auf meine Rollenspielerseele🙂 Danke. Dann wollen wir Jamie mal die Nachricht präsentieren und den Plot um die Insel herum etwas ordnen! Denn so langsam ist es nicht mehr sehr glaubwürdig das Aranza und das Kind immer noch in der Reha festhängen….außerdem könnte Jamie nicht seinen Kampf ausfechten wenn dabei das Hostel unbeaufsichtigt wäre!

  1. No trackbacks yet.
Kommentare sind geschlossen.
%d Bloggern gefällt das: