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Zielerfassung die Zweite

25. Oktober 2016

Sigurson_Nacht_a

… 48 … 49 … 50 … 1 … 2 …

Es war meditativ. Er zählte nicht wirklich. Konzentrierte sich nur auf den immer gleichen Bewegungsablauf, während die Vertrautheit der Umgebung, die Geräusche, die Gerüche, seinem Geist die Freiheit gaben, zu wandern. Seilspringen statt Yoga. Oder Zen. Oder was auch immer. Sigurson hatte keine Ahnung von fernöstlich-sprirituellem … Zeug. Das sowieso nicht wirklich in diesen Gym im Südosten Londons passte, dessen Hauptmerkmale exorbitante Hässlichkeit, der ewige Geruch nach Schweiß und zu viel Testosteron und die ständige Anwesenheit irgendeines Wolfes waren. Derzeit sogar vier davon. Eine erleuchtete Insel in einem heruntergekommenen Industriegebiet, überragt von ein paar Betonpfeilern des sozialen Wohnungsbaus aus einer Zeit, als man geglaubt hatte, Menschen wären für vertikale Anonymität geschaffen.

Sigurson tanzte weiter mit dem Seil. Irgendwo hinter ihm klatschte Haut auf Haut, grunzende Laute und dergleichen mehr. Simon und der Ire trainierten. Nichts Besonderes, nur ein wenig Thaiboxen. Irgendwann in den nächsten zwanzig Minuten würde Simon vermutlich zu ihm kommen. Sigursons Instinkt und Mondphase sagten ihm zwar sehr laut, dass jeder Kampf mit dem gleich großen aber locker dreißig Kilo schwereren (und zwar Muskelmasse) Fianna Ahroun keine gute Idee wäre, dass er seine Stärken, das Zuschlagen aus dem Hinterhalt, die Guerillataktik, anwenden sollte … aber das hier war nur Spiel. Simon war kein Feind sondern gehörte zu seinem Rudel. Alles war gut. Trotzdem … Gegen Instinkt kam ein Wolf nur schwer an.

Und sein Instinkt war auch von der blauhaarigen Begleitung des Iren irritiert, die mit einem Extra-Sahne-Zuckerstreusel-Pumpkin-Spice-Latte-kaffeähnlichen-Heißgetränk auf der Bank saß und versuchte, nicht gelangweilt zu wirken.

Wie in diesem Disneyfilm mit dem Schoßhündchen, das unter die Straßenhunde fällt. Sigurson drehte sich etwas weg, starrte ohne wirklich zu sehen lieber die Wand mit den vergilbten Kalenderschönheiten an.

… 23 … 24 …25 …

Er spürte die Präsenz, bevor er ihn sah oder roch. Nicht, dass er etwas dafür gekonnt hätte, aber der Neuankömmling löste in jedem immer ein unangenehmes Gefühl aus. Die unwillkürliche Frage, ob man ihm wirklich den Rücken zudrehen sollte.

Ungerecht. Sehr ungerecht. Aber Shadow Lords hatten das nun einmal an sich, auch wenn dieser spezielle Vertreter des dunklen Wolfsstammes noch nie etwas mit seinen Verwandten gemein gehabt hatte.

Ohne sich zu ihm zu wenden oder sein Gehüpfe zu unterbrechen meinte Sigurson beiläufig: „´n Abend, Two Moons.“ Er hörte das Rascheln, als Jason seinen Mantel auszog. „Guten Abend, Jumps the River.“

Damit war dem Wolfsprotokoll Genüge getan. Jason schlenderte um Sigurson herum in sein Sichtfeld. Nickte beiläufig Simon und Val zu, ohne zu erwarten, dass die beiden ihn wahrnehmen würden und schenkte Blauköpfchen und seinem Kaffeedarsteller eines seiner vage bedrohlichen Lächeln. Er zupfte sich die teuren Lederhandschuhe von den Fingern und legte den Kopf schräg.

Sigurson war kein besonders begabter Hellseher, konnte sich aber trotzdem ausrechnen, um was es ging. „Es ist wieder New York, oder?“

Jason lachte. Angenehm aber vielleicht nicht ganz ehrlich. „Wäre es dort so schlimm?“ – „Geht so. Gib mir eine Moon Bridge über Island statt eines Fluges und alles wäre deutlich besser.“ – „Ich denke, das werde ich sogar tun.“

Sigurson hielt im Seilspringen inne. Blinzelte überrascht. Ein Gefallen, der mehrere Moon Bridges bis nach Amerika wert war … das war nichts, das Jason leichtfertig einforderte. Diesmal war es etwas Großes.

„Du bist dir völlig sicher?“ – „Das letzte Mal war eine gezielte Irreführung und ich bin wie der dümmste Welpe darauf reingefallen. Jetzt habe ich das wirkliche Ziel. Kein Herumgeiere. Direkter Zugriff.“

Sigurson wischte sich mit der flachen Hand übers Gesicht. Atmete tief ein. „Also gut. Was hängt wirklich daran?“

Jason legte den Kopf in den Nacken. Die Neonröhren spiegelten sich in seinen dunklen Augen. „Jemand … etwas … ich weiß es nicht. Es riecht nach Magiern aber es liegt wie in einem Nebel. Jedenfalls dieser jemand arbeitet an etwas Größerem. Und hat viel Zeit, denn er sorgt an mehreren Stellen nicht nur auf dieser Seite des Schleiers für Ärger. Deshalb muss ich unsere Kräfte aufteilen. Du wirst den eigentlich angepeilten Caern vor den Magiern schützen. Bright Eyes schicke ich ins tiefe Umbra, ein Fianna kommt mit dem Feengesocks gut aus. Ich selbst werde mir eine Organisation ansehen, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte.“ Sigurson_Nacht_b

Sigurson nagte gedankenversunken an der Unterlippe. Wog alles ab. Nickte. „Und ich vermute, es bleibt für nichts mehr Zeit. Keine Vorbereitung, keine Verbündeten …“ – „Exakt. Für nichts. Du gehst jetzt duschen, ziehst dich um und gehst los. Ich unterbreche Blood like Fires Bällchenbad da drüben und schicke seinen Sparringspartner direkt ins tiefe Umbra. Und dann werde ich auch verschwinden.“

Sigurson pfiff leise durch die Zähne. „Ooookay, hektische Betriebsamkeit und dergleichen.“ – „Bei dir noch am wenigsten. Du hast ein paar Stunden, um die Madame in New York aufzusuchen und dir die Waffen geben zu lassen. Tu alles, was nötig ist. Du hast völlig freie Hand.“

Keine weiteren Fragen. Völlig freie Hand bedeutete genau das. Alles von Mord auf offener Straße bis zum Partisanenkrieg im Dschungel und sogar diplomatische Verhandlungen. Und dass Jason ihn schickte konnte nur heißen, dass der Shadow Lord selbst nicht sicher war, welche der drei Möglichkeiten Ergebnisse bringen konnte.

Sigurson neigte den Kopf. „Ich mache mich auf den Weg, Athro.“

Als er zu seinem Spind ging, wandte sich Jason gerade den beiden Fianna zu.


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Drei Nächte später. Ein streunender … Hund … nein … Egal. Eine heruntergekommene Gegend südlich von New York, eines dieser ewig hoffnungslosen Pseudoslumgebiete. Sigurson wartete auf seinen Kontakt. Die Star Gazer hatten ihn natürlich nicht vergessen.

Es konnte los gehen.

  1. 25. Oktober 2016 um 12:30 pm

    Das hast Du wieder mal schöööön mysteriös gemacht🙂
    Ich vermute, Jamie sollte sich warm anziehen.

    • 25. Oktober 2016 um 12:33 pm

      Das war meine Absicht. Vielleicht sollte er sich doch Waffen und Rüstung zulegen.🙂

      • 25. Oktober 2016 um 1:01 pm

        hehe wenn Jamie sich was zulegen würde, dann wäre das eher passend zu Oberon’s Hof. Einen Bogen oder so………..ich fürchte der wäre da rrrrelativ nutzlos. Na mal schauen wie sich das entwickelt. Er hat ja auch noch seinen Feuerstab😉

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